Warum Wir Auswandern Wollen


Wenn wir erzählen, dass wir planen nach Schweden zu gehen werden wir auch immer sehr schnell nach unseren Gründen gefragt. Und da wir schon seit ca. drei Jahren vor haben nach Schweden zu ziehen hatten wir oft genug Gelegenheit genauestens über unsere persönlichen Gründe nachzudenken. Hier ist eine unvollständige Liste:

1. Abenteuer!

Der am stärksten wiegende Grund für mich, Katharina, ist, dass ich halt gerne mal auswandern möchte. Wir leben in der EU, es ist so einfach wie noch nie in ein anderes Mitgliedsland auszuwandern. Außerdem passt es uns jetzt gerade gut. Wir haben gerade ein kleines Kind ausgebrütet, noch ist dem das egal wo es lebt, aber wenn es einmal zur Schule geht sind wir örtlich gebunden. So eine Auswanderung ist was spannendes finde ich, eine Herausforderung! Selbst wenn dabei heraus kommt, dass es doch im Heimatland besser war. Dann weiß man das wenigstens sicher und das Heimatland weiß man dann auch zu schätzen.

Zusätzlich leben wir sowieso nicht in der Nähe unserer Familie, die ist im Ruhrgebiet und dahin wollen wir nicht wieder zurück. Außerdem sind wir von Borås aus schneller in Duisburg als von Karlsruhe aus, weil die Flugverbindung so gut ist.

2. Kinderfreundlichkeit

Stellt sich die Frage warum wir nach Schweden wollen und nicht zum Beispiel nach Amerika wo wir richtig gutes Geld machen könnten mit unseren Ausbildungen. Leute schlagen uns das irgendwie immer wieder vor. Ein Grund ist die Kinder- und Familienfreundlichkeit in Schweden. Und jaja, Deutschland ist auch kinderfreundlich. Meinen manche. Wenn man mal in Schweden war bemerkt man aber schnell den Unterschied. Ich, Katharina, habe erst vor Kurzem wieder mitbekommen wie die Gruppe von Müttern mit ihren Babys mit denen ich manchmal rumhänge aus einem leeren Café geworfen wurde. Die Babys stören. In Schweden sind Kinder überall, selbst in Restaurants (oh Schreck!). Und sie sind überall erwünscht. In Museen zahlen Kinder keinen Eintritt und jedes Café hat Hochstühle und Wickelplätze, und die sind sogar nicht nur auf der Frauentoilette. Auf dem Blog von Reik und Nadine habe ich gelesen, dass es normal ist, dass Männer ihre Töchter beim Schwimmen mit in die Männerumkleide nehmen. Hier in Karlsruhe gibt es ein Schwimmbad das Babyschwimmkurse anbietet, allerdings nur für Mütter mit Kind. Nicht für Väter, weil der Kurs am Frauen-Sauna Tag liegt. Und wie oft wir mittlerweile das Problem hatten, dass es in einem Restaurant gar keine Wickelmöglichkeit gab…

Was mir auch gefallen hat auf Reiks und Nadines Blog ist, dass Reik sich darüber aufregt, dass nie was fertig wird bei der Arbeit weil die Mitarbeiter selbst in Führungspositionen gesammelt früher Schluss machen, wenn es eine Aufführung in der Kita gibt. Und der Post heißt auch noch ‘Sweden in a nutshell’, schön! Marvin hat bei seinen Vorstellungsgesprächen auch die Erfahrung gemacht, dass die Leute (Männer sowie Frauen) sehr zeitig das Büro verlassen um ihre Kinder abzuholen. Es fühlt sich für mich (Marvin) fast schon komisch an das so explizit beschreiben zu müssen. Wir möchten einfach, dass unsere Familie an erster Stelle steht und wir uns beide um unsere Kinder kümmern können.

Immerhin kam es bei meinem (Katharinas) letzten Job auch schon mal vor, dass mein Chef nicht mehr da war, weil er sein Kind von der Kita abholen musste. Normal ist das aber bei weitem noch nicht. Normal ist leider immernoch dass die Frau sich deutlich mehr um die Kinder kümmert als der Mann. Meine Kollegen haben bis auf wenige Ausnahmen nur die 2 Monate Elternzeit genommen, die ansonsten verfallen. Einige haben selbst die verfallen lassen und wir sprechen hier über IT Jobs, die sonst als so fortschrittlich und locker gelten. Das gehört hier immernoch zur Kultur, dass Männer sich nicht so viel um ihre Kinder kümmern und lieber Karriere machen sollen. Familienfreundlichkeit ist nur eine Floskel (“Wir sind als familienfreundlich zertifiziert!”), die dann immer wieder in der eMail Signatur wiederholt werden muss. Die Erfahrung habe ich (Marvin) sogar im öffentlichen Dienst an der Uni gemacht. Auch die Besteuerung bevorzugt in Deutschland ganz klar das klassische Familienmodell, das ist in Schweden nicht so.

Es bietet sich hier an etwas mehr über das Arbeitsklima in Schweden zu schreiben, vielleicht habt ihr ja sogar schon von Fika gehört? Da der Beitrag aber sowieso schon so lang wird, werden wir uns das für ein anderes Mal aufheben.

Zurück zur Kinderfreundlichkeit: Ich (Katharina) habe mir schon Babykurse rausgesucht für die Zeit in Schweden, damit ich aus dem Haus komme. Ein paar Meter von unserer ersten Wohnung entfernt gibt es eine kostenlose öffentliche Kita. 2 mal am Tag kann man da hin kommen zum Singen und Kaffee trinken und so. Von Montag bis Freitag. Dann gibt es da noch verschiedene Babykurse und Erwachsene können sich Vorträge zur Kindererziehung anhören. Hier in Weingarten, ist alle 2 Wochen so ein kostenloser Kurs bei dem man ein bisschen singt und sich unterhält. Vollkommen überlaufen natürlich und von einem Verein auf die Beine gestellt (finanziell aber immerhin vom Land unterstützt). Es gibt auch einen Winter-Spielplatz. Der ist dann von einer kirchlichen Organisation auf die Beine gestellt und man muss sich dann da Bibelgeschichten anhören. Spaß für Kinder gegen religiöse “Erziehung” also. Und damit kann man ja schon ziemlich zufrieden sein!

Zur Kita-Situation können wir noch nicht so viel sagen. Wir waren aber hier in Weingarten bei Karlsruhe bei einer Begrüßungsveranstaltung im Rathaus. Dort haben wir erfahren, dass 76 Kinder im ersten Halbjahr 2019 geboren sind und es 2020 14 Kita Plätze ab 1 Jahr geben wird (das sind die wirklich genannten Zahlen). Hahahahaha, super. In Karlsruhe sieht es wohl nicht viel anders aus wurde uns erzählt. Wir habe auch schon Schweden schimpfen hören. Man wartet wohl maximal 6 Monate auf einem Kitaplatz, dann hat man einen, kann sich aber die Kita nicht unbedingt aussuchen. Und wenn man noch in Elternzeit ist oder keinen Job hat (so wie Katharina in den ersten Monaten) stehen einem 15 Stunden/Woche zu. Dafür sind die Kosten im Vergleich zu Deutschland extrem gering. Aber dazu schreiben wir dann nochmal, wenn wir mehr wissen.

3. Gleichbehandlung

Nach Schweden wandert man sicher nicht aus um viel Geld zu verdienen. Die Gehälter sind in unseren Bereichen geringer. Dafür zahlt man weniger Steuern, richtig krasse Gehälter wie wir sie in Amerika und zumindest Marvin als promovierter Informatiker in Deutschland machen könnten werden wir dort nicht bekommen. Dafür kann aber so ziemlich jeder von seinem Gehalt leben, auch Berufsgruppen die es in Deutschland sehr schwer haben (Kassierer, Friseure, Pfleger, etc.). Es gibt kaum extrem hohe Gehälter in Schweden aber halt auch keine extrem geringen (auch wenn die Entwicklung hier aktuell in dieselbe negative Richtung wie im Rest der Welt geht). Schön ist auch, dass es sehr starke Gewerkschaften gibt. Das wird wohl auch der Grund sein weshalb sich bspw. Amazon noch nicht in Schweden niedergelassen hat. Unsere Hoffnung ist, dass wir dadurch auch ein bisschen aus unserer sozialen Filterblase heraus kommen. Seit der Schule kennen wir praktisch keine Leute mehr die nicht mindestens ein Abitur gemacht haben. Die meisten haben sogar auch studiert. Befremdlich fanden wir immer, dass gerade Leute deren Großeltern schon gut bezahlte Jobs (oder Erbe) hatten offen die Meinung vertreten, dass Leute die nicht so gut verdienen schlicht zu faul sind. Das sind dann gerne dieselben Leute die bei Papa in der Firma arbeiten und koste es was es wolle studieren, auch wenn es 10 Jahre und mehr dauert (das ist nicht erfunden). Ob das in Schweden anders ist wissen wir natürlich nicht, aber wir hoffen es.

Kommen wir zum nächsten großen Punkt für uns: die Gleichbehandlung von Mann und Frau. Ich, Katharina, habe hier in Deutschland selber erfahren, dass man zwar als Frau Bundeskanzler werden kann, es aber in den Ebenen darunter schwierig ist als Frau Fuß zu fassen. Was ich mir schon alles angehört habe. An der Tagesordnung waren Dinge wie ich bekäme ja nur gute Noten weil ich weiblich bin. Ganz schlimm war auch für manche Eltern, dass ein Mädchen bessere Noten in naturwissenschaftlichen Fächern hatte als ihr Sohn. Oder im Job: “Besprechen Sie dieses Problem nochmal mit dem Entwickler der Software” (der ich war), das zieht sich also durch mein komplettes bisheriges Leben. Als Frau muss man sich hier immer doppelt beweisen. Bei Männern habe ich das nicht so beobachtet. Und dann kommt dazu, dass man auf einmal für den Arbeitsmarkt unglaublich unattraktiv wird, wenn man geheiratet hat und auf die 30 zugeht. Man könnte ja jeden Moment ein Kind bekommen. Ein ehemaliger Chef hat das mal so ausgedrückt: “Ach gut, sie sind ja noch jung. Wenn Frauen 32 werden, müssen die alle immer unbedingt ein Kind bekommen”. Und dass Bewerbungen von Frauen die bald Kinder kriegen könnten oder schon welche haben direkt aussortiert werden ist auch ein offenes Geheimnis bei vielen Firmen. Ich hatte auch Probleme einen neuen Job zu finden und ich wurde zum Beispiel nicht für eine Fortbildung mit angemeldet, meine männliche Kollegen aber schon. Zumindest die unter 55.

In Schweden haben wir schon Job-Ausschreibungen gesehen in denen explizit steht, dass Schwangere sich bitte auch bewerben sollen. Und es gibt eben diese super Kinderbetreuung, die in Deutschland einfach noch nicht richtig funktioniert. Auf die können sich Arbeitgeber verlassen. Von einer Bekannten wurde mir erzählt, dass ihre Tochter erst eingestellt wurde als sie gesagt hat, dass die Oma des Kindes im Notfall einspringen kann. Nur einen Kita Platz zu haben reicht den Unternehmen nicht. Es gibt hier natürlich Ausnahmen. Aber die Regel sind die halt nicht und solange die nicht die Regel sind wird sich der gesellschaftliche Konsens auch nicht ändern. Solange werden Chefs solche Entscheidungen und Aussagen machen können.

Dann habt ihr vielleicht diese ganze Diskussion mitbekommen, dass es in Stockholm diese eine Kita gibt, die die Kinder nicht mehr mit den geschlechtsspezifischen Personalpronomen anspricht sondern mit ‘hen’. Das wurde ins Deutsche oft übersetzt mit ‘es’. ‘Hen’ ist aber eine Wortneuschöpfung und nicht das Schwedisch Wort für ‘es’ (das wäre ‘den’ oder ‘det’). Mittlerweile haben wir ‘hen’ auch schon auf offiziellen schwedischen Seiten gesehen. Ist uns schon klar, warum das hier so angeeckt ist. Sobald man nämlich schwanger ist, ist die erste Frage die man von jedem bekommt ‘Was wird es denn?’. Ja, was wird es wohl werden? Ich hoffe ein gesunder Mensch! Als wäre das Geschlecht so alles bestimmend, dass man nichtmal sagen muss, dass man das Geschlecht des Kindes wissen möchte. Man fragt nur was es wird und jeder weiß schon was man meint. Und das geht dann so weiter. Leute versuche anhand von irgendeinem Schwachsinn zu erraten ob es wohl ein Junge oder ein Mädchen wird. Es gibt Leute die enttäuscht sind über das Geschlecht ihres Babys, das finden wir um ehrlich zu sein traurig. Mädchen tragen nur pink, Jungen nur blau. Und dann gibt es die Geschichten von den Leuten denen man gesagt hat sie bekämen ein Mädchen und dann haben sie alles in pink gekauft und dann war es doch ein Junge! Totalkatastrophe! Wir sind ernsthaft schon dafür kritisiert worden, dass unsere Tochter blau anhatte.

In Schweden erfährt man das Geschlecht des Babys während der Schwangerschaft einfach nicht. Weil es nicht medizinisch relevant ist. Und hier haben wir einen Blogpost darüber gefunden, dass schwedische Jungs auch pink und schwedische Mädchen auch blau tragen und hier, dass ein Schwedischer Spielzeugkatalog Kinder mit genderuntypischen Spielzeugen zeigt. Für uns fängt die Ungleichbehandlung da schon an und wir hoffen, dass sich dort ernsthaft bemüht wird jeden Menschen so sein zu lassen wie er gerne will.

4. Hauspreise

Wenn wir den Punkt nennen sind Leute immer überrascht, weil alle denken Schweden wäre teurer als Deutschland. Das ist in vielen Bereichen nicht gerechtfertigt finden wir. Alkohol ist teurer und es gibt kaum Discounter, die Mehrwertsteuer liegt bei 21%. Trotzdem sind zum Beispiel die IKEA Möbel etwas günstiger als hier. Im Moment ist die Krone zusätzlich auch schwach.

Was aber wirklich viel viel günstiger ist sind Häuser (sofern man nicht nach Stockholm möchte). Die Schweden mieten nicht, sondern kaufen und verkaufen Häuser beziehungsweise das Wohnrecht in einer Wohnung. Ihr könnt euch ja mal die Preise der Häuser die in Borås verkauft wurden auf hemnet ansehen. Wir planen so 200.000 bis 300.000 € für ein Haus auszugeben. Freistehend mit Garten und am besten Sauna 😉

In Deutschland kommt man damit nicht weit. Außer man pendelt sehr weit. Wir wollen uns weder bis zur Rente verschulden und an einen Ort binden müssen, noch jeden Tag Stunden im Auto verbringen. Ein Haus in unserer Preisvorstellung bekommt man auch nicht in Borås selber, sondern nur ‘außerhalb’. Wobei ‘außerhalb’ in Schweden bedeutet 15 km vom Stadtzentrum entfernt. Und je weiter man sich entfernt, desto günstiger werden die Häuser. Wir ziehen unsere Grenze so bei 30 km. Mehr wollen wir nicht pendeln. Vor allem, weil es dann kaum Nahverkehr gibt und wir definitiv mit dem Auto pendeln müssen.

5. Weniger Menschen

Wir sind kein Freund von vollen Städten, wir vermeiden Innenstädte und viele Menschen auf einem Fleck. Wir können nicht verstehen, dass Menschen freiwillig in großen Städten leben ‘wEiL Es dORt eIn kINo GIbt’. Wir waren zuletzt vor sieben Jahren im Kino und haben uns auf unsere Couch gefreut. Die Innenstädte sind überlaufen und die Läden sind vor allem Filialen von großen Ketten.

Es hat in Karlsruhe und in Weingarten jeweils ein Jahr gedauert bis unsere direkten Nachbarn auf der Straße nicht mehr so getan haben, als würden sie uns nicht kennen. Es ist selbstverständlich auf Radwegen und Bürgersteigen zu parken. Autos haben immer Vorfahrt, der Zebrastreifen ist eher Deko. In der Bahn wird sich schnell noch an Schwangeren, Kindern, Älteren vorbeigedrängelt, damit die den Sitzplatz nicht streitig machen. Wir fühlen uns da einsam unter Menschen.

Was da aus unserer Sicht hilft, ist in weniger dicht besiedelten Orten zu leben. Möchte man dann noch einen Job haben, der zur Ausbildung passt, kann es in Deutschland schwierig werden. In Schweden ist das einfacher.

5. Natur

Passt ja zum Punkt davor. Wir sind gern draußen und wir sind dabei gern allein. Andere glauben, dass die Natur unser Hauptgrund ist auszuwandern. Als wären wir so verblendet. Das ist doch kein Grund auszuwandern. Vor allem nicht, wenn man im Schwarzwald wohnt. Der ist auch echt schön und wir werden ihn vermissen mit seinen Bergen und Tälern!

Genauso wie die Drogerie dm, die liefern nicht mal nach Schweden! ☹ Also die Natur an sich ist jetzt kein handfester Grund für uns. Wohl aber, dass man so naturnah leben kann und trotzdem nicht weit bis zur Arbeit braucht.


So, da wisst ihr Bescheid! 😀 Natürlich haben wir hier und da überspitzt und unseren Frust sprechen lassen, vielleicht animiert es euch ja uns in den Kommentaren zu widersprechen. Wir würden uns freuen!

Kommentare

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